Was ist SDQ? (Strength and Difficulties Questionnaire)
Was steckt hinter dem Strengths and Difficulties Questionnaire (SDQ)? Egal ob in Kita, Schule oder in Hilfe-Einrichtungen, Kliniken und Wohngruppen – immer wieder tauchen die sogenannten SDQ-Bögen auf. Lass uns klären, was dahintersteckt, wer dahintersteckt und warum der SDQ eines der weltweit verbreitetsten Instrumente zur Erfassung und Deutung kindlichen Verhaltens ist.
Der Mann hinterm Bogen
The man behind it ist Robert N. Goodman1 – guter Mann …
Goodman wurde 1953 in Nord-London2 in eine jüdische Familie hineingeboren.3 Mithilfe eines Stipendiums studierte er Medizin in Cambridge4 und war (natürlich) Jahrgangsbester dort.5
Funfact: Sir Peter Ratcliffe, der 2019 den Nobelpreis für Medizin erhielt,6 war ein Studienfreund von Goodman7 und sagt Folgendes über ihn:
„He was by far the brighter. I learned so much from him.“
Sir Peter Ratcliffe8
Also, a bright good man. Soweit, so gut. Nach zwei Jahren als Kinderarzt9 wurde Goodman Kinder- und Jugendpsychiater am Maudsley Hospital und am Institute of Psychiatry in London.10
Goodman war praktizierender Buddhist, meditierte täglich11 und wurde von den Menschen um ihn herum für seine Bescheidenheit geschätzt.12 Zu seiner Antrittsvorlesung an der Uni erschien er mit einer blau und einer rot gefärbten Kopfhälfte.13 Außerdem setzte er sich im Alleingang für kostenlosen Zugang zu seinem Buch ein.14
Die SDQ-Fragebögen gibt es mittlerweile in 89 Sprachen15 – sogar in Gebärdensprachen.16 Bei vielen der Übersetzungen wirkte Goodman höchstpersönlich mit, um sicherzustellen, dass Begrifflichkeiten akkurat übersetzt werden.17
Ende 2025 starb Goodman im Alter von 72 Jahren.18 Rest in Peace, Legend. Er jagte weder Rampenlicht noch Awards oder Ehrungen.19 Aber gibt es etwas Ehrenhafteres, als tagtäglich Kindern und Jugendlichen, Fachkräften und Eltern all around the world mit seiner Arbeit zu helfen?20
Das S steht für Stärken
Vorgänger des SDQ wie z. B. die Rutter-Fragebögen21 setzten bei verhaltensauffälligen Kids problemorientiert an.22 Hier haben wir schon sowas wie einen USP von Goodmans Idee (auch wenn er ja nichts verkaufen wollte).
Der SDQ erfasst neben Schwierigkeiten auch Stärken,23 die von Lehrkräften, Eltern oder Kindern und Jugendlichen selbst eingeschätzt werden können.24 Dadurch sollen Zielpersonen die Hilfe bekommen, die sie brauchen und die ihnen wirklich hilft.25
Wie der SDQ gewachsen ist
- 1996/97Goodman entwickelt den Bogen.26
- 1997Erste Veröffentlichung. Im Vergleich mit den Rutter-Bögen bei 403 Kindern schneidet der SDQ mindestens genauso gut ab.27 Im selben Jahr wird er ins Deutsche übersetzt.28
- 1998Die Version zum Selbstausfüllen für Jugendliche kommt dazu.29
- 1999Die erweiterte Fassung mit einem Zusatzteil zur Belastung (Impact-Supplement) erscheint.30
- 2001Daten von über 10.000 britischen Kindern bestätigen die fünf Bereiche des Bogens.31
- 2002Erste Normwerte für die deutsche Elternversion.32
- HeuteDer SDQ liegt in 89 Sprachen vor.33 Für Deutschland gibt es inzwischen auch altersspezifische Normen aus der bundesweiten KiGGS-Studie.34
Bausteine des SDQ
Das Grundkonstrukt ist gleichbleibend: 25 knappe Aussagen über die Zielperson35 und drei Auswahlmöglichkeiten für die ausfüllende bzw. bearbeitende Person.36 Die Auswahlmöglichkeiten sind: „Nicht zutreffend“, „Teilweise zutreffend“ und „Eindeutig zutreffend“37 (im Original: „Not True“, „Somewhat True“ und „Certainly True“).38
Fünf Bereiche und jeweils fünf Fragestellungen ergeben die erwähnten 25 Aussagen,39 die in der Bearbeitung kaum mehr als fünf Minuten beanspruchen.40
Die Bereiche
Die Aussagen sind hier sinngemäß zusammengefasst. Den genauen Wortlaut findest du im Originalbogen.41
Emotionale Probleme
- Häufig Kopf- oder Bauchschmerzen Frage 3
- Viele Sorgen Frage 8
- Oft unglücklich oder niedergeschlagen Frage 13
- Nervös oder anhänglich in neuen Situationen Frage 16
- Viele Ängste, leicht zu erschrecken Frage 24
Verhaltensprobleme
- Häufige Wutanfälle Frage 5
- Im Allgemeinen folgsam Frage 7
- Streitet oft mit anderen Kindern oder schikaniert sie Frage 12
- Lügt oder mogelt oft Frage 18
- Stiehlt zu Hause, in der Schule oder anderswo Frage 22
Hyperaktivität
- Unruhig, überaktiv Frage 2
- Ständig zappelig Frage 10
- Leicht ablenkbar, unkonzentriert Frage 15
- Denkt nach, bevor es handelt Frage 21
- Bringt Aufgaben zu Ende Frage 25
Probleme mit Gleichaltrigen
- Eher Einzelgänger, spielt meist allein Frage 6
- Hat mindestens eine gute Freundin oder einen guten Freund Frage 11
- Bei anderen Kindern im Allgemeinen beliebt Frage 14
- Wird von anderen gehänselt oder schikaniert Frage 19
- Kommt besser mit Erwachsenen als mit Gleichaltrigen aus Frage 23
Prosoziales Verhalten
- Rücksichtsvoll gegenüber den Gefühlen anderer Frage 1
- Teilt gern mit anderen Frage 4
- Hilfsbereit, wenn jemand verletzt, krank oder traurig ist Frage 9
- Lieb zu jüngeren Kindern Frage 17
- Hilft anderen oft freiwillig Frage 20
Die Gewichtung zwischen Difficulties und Strengths ist zwar vier zu eins,42 aber die fünf Aussagen zu prosozialem Verhalten wirken sich sehr positiv auf den Bogen und vor allem auch auf die Bearbeitungsbereitschaft von Eltern aus.43
Einsatzbereiche des SDQ
In vielen kinder- und jugendpsychiatrischen Ambulanzen füllen Eltern, Lehrkräfte und Jugendliche ab elf Jahren den Bogen schon vor dem ersten Termin aus.44 So weiß das Team vorher, wo es genauer hinschauen sollte.45 Weil der SDQ auf Veränderungen reagiert, eignet er sich auch, um den Verlauf einer Hilfe oder Behandlung zu verfolgen.46
Kitas und Schulen nutzen ihn, um Unterstützung zu planen.47 In Großbritannien hat das nationale Statistikamt mit ihm die psychische Gesundheit von Kindern erhoben,48 und für Kinder in öffentlicher Obhut ist er dort sogar gesetzlich vorgeschrieben.49 In Deutschland steckt er in großen Studien wie KiGGS50 und BELLA.51 Und in der Forschung taucht er weltweit auf, von der Entwicklungspsychologie bis zur Genetik.52
Die Bögen im Überblick
Wie erwähnt sind die Bögen im Kern gleich, passen sich aber altersspezifisch und je nach ausfüllender Person sprachlich an, sodass sich sowohl Jugendliche als auch Eltern und Lehrkräfte alle Aussagen möglichst problemlos selbst und ohne Hilfestellung beim Ausfüllen erschließen können.53
| Bogen | Wer füllt aus? | Alter | Gut zu wissen |
|---|---|---|---|
| Eltern/Erzieher 2–4 | Eltern, Kita-Fachkräfte | 2–4 | Drei Fragen ans Alter angepasst |
| Eltern 4–17 | Eltern | 4–17 | Teils getrennt für 4–10 und 11–17 |
| Lehrkräfte 4–17 | Lehrkräfte | 4–17 | Impact-Wert 0–6 statt 0–10 |
| Selbstbericht 11–17 | Jugendliche selbst | ca. 11–17 | Je nach Lese- und Sprachverständnis |
| Selbstbericht 18+ | Junge Erwachsene selbst | ab 18 | Keine geprüften Grenzwerte |
Impact-Zusatz. Manche Bögen haben eine Rückseite. Hier geht es um grundsätzliche Einschätzungen, ob und in welchem Maße es Schwierigkeiten gibt.55
Follow-up. Um Veränderungen und Prozesse sichtbar zu machen, gibt es auch Folgebögen, die nur nach dem vergangenen Monat fragen. Hier stehen dann der Prozess und mögliche Veränderungen der Schwierigkeiten im Fokus.56
Hier gibt’s die Bögen (for free)
Auf der offiziellen Seite sdqinfo.org gibt es alle Bogenarten in allen verfügbaren Sprachen.57
Man darf sich die Bögen da ganz bedenkenlos ziehen und benutzen. Trotzdem sind die Dinger natürlich urheberrechtlich geschützt, was in diesem Fall bedeutet, dass du sie auf keinen Fall zur kommerziellen Vervielfältigung nutzen darfst. Für nichtkommerzielle Zwecke darfst du downloaden und kopieren – nur nichts verändern.58
Auswertung
Fünf Minuten für die Bearbeitung in allen Ehren – die Auswertung ist doch der eigentliche Pain für uns alle. Aber im Ernst: It’s quite simple.
Du brauchst den ausgefüllten Bogen, einen Stift und etwa zehn Minuten Stillarbeit. Es gibt sogar ein Online-Tool für die Auswertung, dann spart man sich jeglichen Rechenaufwand.59
-
Punkte vergeben
„Teilweise zutreffend“ gibt immer 1 Punkt, „nicht zutreffend“ 0 und „eindeutig zutreffend“ 2. Ausnahme: Bei den Fragen 7, 11, 14, 21 und 25 ist es genau andersherum.60
-
Bereiche zusammenzählen
Pro Bereich die fünf Punkte addieren, das ergibt 0 bis 10. Welche Frage wohin gehört, steht oben bei „Die Bereiche“. Fehlen Antworten, ab drei beantworteten Fragen hochrechnen.61
-
Gesamtwert bilden
Die vier Problembereiche addieren, ohne das prosoziale Verhalten. Das ergibt 0 bis 40.62
-
Impact-Wert berechnen (optional)
Nur wenn die Rückseite ausgefüllt ist: die beiden unteren Antwortstufen 0, die dritte 1, die höchste 2. Das ergibt 0 bis 10, bei Lehrkräften 0 bis 6.63
-
Werte einordnen
Den Wert in der passenden Tabelle nachschlagen. Rund 80 % der Kinder liegen „nahe am Durchschnitt“, 10 % „leicht erhöht“, je 5 % „hoch“ und „sehr hoch“.64
Elternbogen (4–17 Jahre)
Bereich Nahe am Durchschnitt Leicht erhöht* Hoch* Sehr hoch* Gesamtproblemwert 0–13 14–16 17–19 20–40 Emotionale Probleme 0–3 4 5–6 7–10 Verhaltensprobleme 0–2 3 4–5 6–10 Hyperaktivität 0–5 6–7 8 9–10 Gleichaltrige 0–2 3 4 5–10 Prosoziales Verhalten 8–10 7 6 0–5 Impact 0 1 2 3–10 Lehrerbogen (4–17 Jahre)
Bereich Nahe am Durchschnitt Leicht erhöht* Hoch* Sehr hoch* Gesamtproblemwert 0–11 12–15 16–18 19–40 Emotionale Probleme 0–3 4 5 6–10 Verhaltensprobleme 0–2 3 4 5–10 Hyperaktivität 0–5 6–7 8 9–10 Gleichaltrige 0–2 3–4 5 6–10 Prosoziales Verhalten 6–10 5 4 0–3 Impact 0 1 2 3–6 Selbstbericht (11–17 Jahre)
Bereich Nahe am Durchschnitt Leicht erhöht* Hoch* Sehr hoch* Gesamtproblemwert 0–14 15–17 18–19 20–40 Emotionale Probleme 0–4 5 6 7–10 Verhaltensprobleme 0–3 4 5 6–10 Hyperaktivität 0–5 6 7 8–10 Gleichaltrige 0–2 3 4 5–10 Prosoziales Verhalten 7–10 6 5 0–4 Impact 0 1 2 3–10 * Beim prosozialen Bereich: leicht erniedrigt, niedrig, sehr niedrig.
Ein ausgedachtes Beispiel
Die Eltern der achtjährigen Mia kreuzen im Bereich emotionale Probleme an: Kopfschmerzen teilweise (1), Sorgen eindeutig (2), unglücklich teilweise (1), nervös in neuen Situationen eindeutig (2), viele Ängste nicht zutreffend (0). Das macht 6 Punkte und liegt im Elternbogen im Band „hoch“. Eine Diagnose ist das noch nicht, aber ein guter Grund, genauer hinzuschauen und auch die Sicht der Lehrkraft einzuholen.
Bitte beachten
Der SDQ ist ein Screening und keine Diagnose. Selbst die offizielle Anleitung nennt die Bänder nur eine grobe Orientierung. Am verlässlichsten wird das Bild, wenn mehrere Personen den Bogen ausfüllen, etwa Eltern, Lehrkraft und das Kind selbst, und wenn Problem- und Impact-Werte zusammen betrachtet werden.65
Die Bänder stammen aus Großbritannien. Für Deutschland gibt es eigene Normen, unter anderem aus der KiGGS- und der BELLA-Studie.66 Für den Bogen ab 18 Jahren sind die Bänder nicht geprüft, dort arbeitet man besser mit den Punktwerten.67
Aus der Praxis
Schottland
Es gibt da so eine Kommune in Schottland. Seit 2010 wird hier ein SDQ zum Übergang von Kita in Schule für jedes Kind ausgefüllt.68 Die Fachkräfte aus Kitas geben die von ihnen ausgefüllten Bögen an die zuständigen Lehrkräfte weiter und die Lehrkräfte planen entsprechende Hilfeprogramme und Unterstützungen.69
England
Pflegekinder, die seit einem Jahr oder länger in Pflegefamilien oder Einrichtungen leben, stehen in England unter jährlicher SDQ-Pflicht.70 Meistens geht es hier primär um die Pflegeeltern, die die Bögen ausfüllen sollen.71 Die Durchschnittswerte der Bögen gelten hier dann sogar als offizielle Kennzahl der Kommunen.72
Zum Mitnehmen
Also, Freunde … der SDQ ist kostenlos, kurz, erprobt, weitverbreitet und fragt neben Schwächen auch nach Stärken von Zielpersonen. Besonders wirksam und aussagekräftig werden die Bögen, wenn mehrere Menschen (Eltern, Fachkräfte und Zielperson selbst) sie ausfüllen und die Ergebnisse offen thematisiert und besprochen werden. Mit dem Ergebnis eines SDQ-Bogens steht keine Diagnose fest, aber es ist oft ein sinnvoller Ansatz für eine darauffolgende Maßnahme, ein Gespräch oder den Beginn einer Behandlung.
Danke, Robert Goodman.
Fußnoten
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- The Telegraph 2026. zurück
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- Youthinmind (2016): Scoring the Strengths & Difficulties Questionnaire for age 4–17 or 18+. Offizielle Auswertungsanleitung, Wiedergabe durch Bedford Borough Council. bedford.gov.uk
- Youthinmind: Goodman, R. & Scott, S. (2012): Child and Adolescent Psychiatry, 3rd Edition. Kostenloser PDF-Download. youthinmind.info
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